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Cord Albrecht v. Restorff (1915-1942)
berichtet von seiner Mutter (für Eckart v. Stutterheim, deshalb ist "Onkel Cord" Cords Vater)
Er wurde – wie auch seine Brüder – zunächst von dem Dorfschulmeister Plötz in Maggen unterrichtet, später mit Burkhard zusammen von Hauslehrern, bis er mit 13 Jahren in die Baltenschule in Misdroy kam, wo er nach anfänglichem sehr großen Heimweh sehr gern gewesen ist. Nach dem Verkauf von Schwengels mussten wir ihn leider aus pekuniären Gründen dort fortnehmen, und er besuchte dann das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Königsberg. Nach dem völligen wirtschaftlichen Zusammenbruch gelang es mir – wie bereits erwähnt -, ein Stipendium für ihn in Templin zu bekommen. Dieser Freiplatz war an überdurchschnittlich gute schulische Leistungen gebunden, und die konnte Cord in der Folge nicht erbringen, gerade nicht in den alten Sprachen. |
Es war wahrscheinlich von Anfang an ein Fehler von uns gewesen, ihn nicht auf ein Realgymnasium zu geben, das viel mehr seinen Neigungen und Begabungen entsprochen hätte. Aber es entsprach so wenig den damaligen Gepflogenheiten, dass der Gedanke nie erwogen worden ist. Templin war noch dazu ein sehr schweres Gymnasium, das große Ansprüche stellte. Auch das Internat wurde sehr streng geführt, so dass Cord nach Misdroy sehr ungern dort war. Als uns mitgeteilt wurde, dass Cords Versetzung in die Oberprima gefährdet sei, und damit auch das Stipendium, fuhr ich nach Templin. Ich hatte nach Darlegung unserer Verhältnisse und der besonders schweren Auswirkung auf Cords Zukunft bei einem Verlust des Stipendiums auf ein gewisses Entgegenkommen aus menschlichen Erwägungen gehofft, zumal Cord verschiedene Ausgleichsfächer mit sehr guten Noten hatte, wie Geschichte, Deutsch, Biologie, Turnen. Aber der Direktor war der Prototyp des verknöcherten, menschlich überhaupt nicht interessierten, nur fachlich urteilenden Lehrers. Ich sehe ihn noch vor mir sitzen mit seinem kühlen, abweisenden Gesicht und zusammengelegten Fingerspitzen und höre seine Antwort: „Gewiss, gewiss, aber welchen Wert hat das alles gegenüber Latein und Griechisch! Sagen Sie selbst, wie soll ein junger Mann durchs Leben kommen mit einer Fünf in Griechisch!“ Dabei blieb es. Cord wurde nicht versetzt und verlor das Stipendium. Es war schon ein großes Entgegenkommen, dass Burkhard es stattdessen erhielt. Er ist dann ebenso wenig gern da gewesen wie Cord, hat sich aber Gott sei Dank behaupten können., bis wir nach Frankfurt kamen, wo er auf das Goethe-Gymnasium kam. Aber für Cord war nun eine sehr schwierige Situation entstanden. Ein anderes Internat konnten wir nicht bezahlen, und einen Wohnsitz hatten wir auch nicht. Heutzutage würde es alle möglichen Auswege und Hilfen geben bei einem derartigen Fall, aber damals gab es nichts dergleichen. Da war es wieder Werner Fritsch, der zu der – wie es schien – einzig verbleibenden Möglichkeit riet, nämlich dass Cord als Freiwilliger in die Wehrmacht eintrat. Es gab da einen Weg, neben der militärischen Ausbildung das Abitur zu machen und danach Offizier zu werden. Ein sehr schwerer Weg, wie Fritsch zugab, aber er riet doch zu dem Versuch. So trat Cord bei Reiter 16 Erfurt ein. Früher war es das 5. Dragonerregiment in Hofgeismar gewesen, in dem schon sein Urgroßvater und Großvater Kielmannsegg und nun mein Bruder gestanden hatten respektive stand. Die Ausbildung war damals sehr schwer, und daneben noch das Abitur zu machen, verlangte wohl mehr körperliche Zähigkeit, geistige Anspannung und eiserne Energie, als Cord aufbringen konnte oder wollte. Er war sehr ungern Soldat und sicher kein guter, weniger im Hinblick auf seine Leistung als in seiner ganzen Art und Haltung. Da es also auf diesem Weg keine Aussichten für ihn gab weiterzukommen, schied er am Ende der Dienstzeit als Unteroffizier aus und fing als Lehrling in den Adlerwerken in Frankfurt an. Er wohnte bei Onkel Cord, aber es gab bald Schwierigkeiten. Cord hatte nie ein sehr gutes Verhältnis zu seinem Vater gehabt, vielleicht durch dessen allzu große Strenge in seiner Kindheit, und nach unserer Scheidung, besonders aber nach Onkel Cords schneller Wiederheirat, kam es zu immer häufigeren Zusammenstößen, im Grunde wegen Bagatellen, die damit endeten, dass Onkel Cord ihn auf Betreiben seiner Frau schließlich auf die Straße setzte und jede Unterstützung verweigerte. Da Cord von seinem kleinen Lehrlingstaschengeld nicht existieren konnte, fand er zunächst Zuflucht bei meinen Geschwistern in Wiesbaden, von wo er nach Frankfurt hin und her fuhr. Dann gelang es ihm, sich quasi als Volontär oder angehender Verkäufer nach Königsberg an die dortige Filiale versetzen zu lassen. Wir hatten ein möbliertes Zimmer in Königsberg für ihn genommen, und sonst war er natürlich so oft wie möglich bei uns in Otten. Es war eine wunderschöne Zeit für ihn und für mich. An sich fiel ihm ja von selbst so vieles zu. Er sah sehr gut aus, wirkte immer elegant, was er auch an hatte, allein durch seine Bewegungen. Dazu kam sein Charme, seine gesellschaftliche Sicherheit und sein fröhliches, liebenswürdiges Wesen. Er tanzte ausgezeichnet, und die Mädchen verliebten sich reihenweise in ihn, aber er hatte auch viele gute Freunde. Auch Burkhard hing mit großer, bewundernder Liebe an ihm. Zu mir hatte er ein besonders enges Verhältnis. Als er schon Soldat war, sagte er mal: „Ich werde nie heiraten, weil ich nie eine Frau finden werde, die so ist wie du!“ Ich erwähne das nur, weil es unsere gegenseitige Beziehung deutlich macht. Sein Gefühl für mich stand mit meiner Autorität im Einklang, deshalb habe ich selbst nie Schwierigkeiten mit ihm gehabt. Trotzdem hat er mir von allen Kindern die meisten Sorgen gemacht. Er legte sich selber immer wieder Steine in den Weg. Vielleicht war er ein zu persönlicher Freiheit geborener Mensch, und da sich diese im realen Leben nicht praktizieren lässt, zumal zu seiner Zeit, und er dies nicht begreifen wollte, musste es immer wieder zu Konflikten kommen. Es fing mit kleinen Widersätzlichkeiten gegenüber seinem Vater an, wenn er sich ungerecht behandelt fühlte, was dieser dann mit oft zu großer Strenge erwiderte. Das setzte sich fort gegenüber den Hauslehrern in verstärktem Maße. Er durchschaute meist sehr schnell deren leider vorhandene Unzulänglichkeit in fachlicher und menschlicher Hinsicht, und damit war dann jede Autorität verspielt. Da Cord sich vor keiner Strafe fürchtete – er war überhaupt durch und durch furchtlos, wenn es um etwas ging, was seinen persönlichen Einsatz erforderte, oder umgekehrt um etwas, was seinem Empfinden nach unrecht oder unwahr war -, machte er seinen Lehrern das Leben wahrscheinlich ziemlich unerträglich. Er lernte an sich recht leicht, aber in der dargebrachten Form langweilte es ihn. Am liebsten war er mit Burkhard draußen, wo er mit ihm die unglaublichsten und tollkühnsten Dinge unternahm. Schon als Vierjähriger war er auf ein hohes, reedgedecktes Scheunendach geklettert, um nachzusehen, wie viel Junge im Storchennest wären. Dass es dabei ohne Unglück abgegangen ist, war mehr als ein Wunder. Der Kutscher konnte ihn gerade noch herunterholen und vor der wütenden Störchin retten. Du hast ihn ja später in Misdroy erlebt, und es würde mich sehr interessieren, wie er da zurechtgekommen ist und wie er beurteilt wurde. Ihr wart nicht in einer Klasse, aber Du weißt vielleicht doch, ob und welche Schwierigkeiten er da gehabt hat. Er selbst hat zuerst sehr unter Heimweh gelitten, war aber dann gern da und unglücklich, als er nach Templin musste.
Seine letzte Lebenszeit war nicht glücklich. Vor dem Krieg gegen Russland lag seine Einheit teils in Frankreich, teils in Langenberg. Die Untätigkeit, der kleinliche Kommissbetrieb, ein sehr unangenehmer Vorgesetzter, immer wieder Ärger und Schikanen im Dienst, das alles war ihm verhasst. Sicher war er selber nicht schuldlos, weil er sich nicht anpassen konnte und Vorschriften zu lässig handhabte, weil sie ihm unwichtig erschienen. Er litt an sich selber, er sah auch ein, dass vieles nur an ihm selber lag und dass er die Dinge nur zu seinen Gunsten verändern konnte, wenn er seine Situation richtig einschätzte und die nun mal vorhandene Macht auf der anderen Seite widerspruchslos acceptierte. Aber es gelang ihm trotz der allmählichen Erkenntnis nur unvollkommen, und er blieb sicher ein sehr unbeliebter Untergebener.
In dieser seelischen Verfassung lernte er damals Angelika kennen. Sie hatte schon einige Semester Handelshochschule absolviert, war aber nun bei der Wehrmacht angestellt, ich glaube als Dolmetscherin. Ihre Mutter war Französin. Welche Gründe zu dieser Heirat geführt haben, ist mir – die ich ihn so gut kannte – von Anfang an ziemlich klar gewesen. Cord fühlte sich unglücklich, allein und vereinsamt und brauchte einen Menschen, mit dem er sprechen konnte, der ihn verstand, der zu ihm stand und ihn vor sich selber bestätigte. Angelika war klug, anregend und zugleich nüchtern und zielbewusst, und er glaubte, in ihr die für ihn notwendige Ergänzung gefunden zu haben. Sie sah damals auch durchaus apart und attraktiv aus. Ob sie Cord sehr geliebt hat, weiß ich nicht, sie ist keiner sehr tiefen Gefühle fähig, aber verliebt war sie sicher in ihn, und vor allem bedeutete er für sie die Partie ihres Lebens. Britta, ihre Tochter, hat mir mal gesagt, dass ihre Mutter nur deshalb nicht wieder geheiratet habe, um den Namen nicht zu verlieren. Sie stammte aus bescheidenen Verhältnissen, die Eltern hatten ein Geschäft für Herrensachen und waren ordentliche, streng katholische kleine Leute. Cord war – was eigentlich im Widerspruch zu seinem ganzen Wesen und Auftreten stand - absolut nicht hochmütig. Übrigens auch gar nicht materiell. Er kam mit seinem bisschen Geld immer zurecht und machte nie Schulden, darin waren sich alle Brüder gleich. Ich glaube, er wäre nie imstande gewesen, eine Geldheirat ohne Liebe zu machen. Der gesellschaftliche Unterschied zwischen ihm und Angelika ist ihm in seiner damaligen Situation bestimmt nicht entscheidend vorgekommen, zumal in der Loslösung von allem Gewohnten durch den Krieg. Zu allem kam ja auch noch der schwere Unfall, er war mit seinem Krad-Motorrad gegen einen unbeleuchtet auf der Fahrbahn stehenden Lastzug gefahren, der ihn für eine nicht absehbare Zeit kriegsuntauglich machte.
Weil ich diese ganzen Zusammenhänge übersah, vor allem, weil ich wusste, dass es sich bei ihm nicht einmal um die so genannte große Liebe handelte, sondern seine Anständigkeit und sein fast übersteigertes Ehrgefühl bei diesem Entschluss eine entscheidende Rolle spielte, habe ich ihn mit allen mir zur Verfügung stehenden Argumenten gewarnt, in seinem augenblicklichen Gemütszustand, im Krieg und einer ganz ungewissen Zukunft gegenüber eine feste Bindung einzugehen. Aber ich war zu weit fort, und Angelikas Einfluss war zu groß. Sie heirateten, und Cord brachte Angelika erst danach nach Otten. Sie missfiel mir gar nicht, aber trotz allen Bemühens von ihrer und von unserer Seite blieb sie in unserem damals noch sehr großen, eng verbundenen Familienkreis, den Cord liebte und dem er ganz und gar zugehörig war, gleichsam ein Fremdkörper. Er litt sehr darunter und suchte ungerechtfertigterweise die Schuld daran an Angelika. Als ich sie – als er nach Posen gekommen war – dort besuchte, stellte ich mit Kummer fest, dass schon alles so eingetreten war, wie ich befürchtet hatte. Er stand ratlos und unglücklich vor diesem Scherbenhaufen, und wir hatten lange, ernste Gespräche, denn an sich war ja nichts mehr zu ändern, zumal Britta schon unterwegs war. Es war im Herbst 1941, kurz vor seiner Versetzung nach Konotop. Damals in Posen bedrückten ihn neben der eigenen seelischen Belastung auch die Zustände in Polen unter der deutschen Besetzung. Er sagte mal, dass er sich allmählich schämte, Deutscher zu sein, und dass – wenn es Gott gäbe – dies alles nicht ungestraft an uns vorübergehen würde. Sie wohnten damals bei einer polnischen Lehrersfrau, deren Mann in Gefangenschaft und deren Wohnung beschlagnahmt war. Ihr war nur ein Klappbett in der winzigen Küche geblieben, aber sie war voller Dankbarkeit Cord gegenüber, der so rücksichtsvoll und hilfreich war, wie es nur die Gegebenheiten erlaubten.
Dabei fällt mir etwas ein, was bezeichnend für Cords Einstellung und unbekümmerte Furchtlosigkeit gegenüber möglichen Folgen war, wenn es um etwas ging, was er für richtig hielt, oder wenn er helfen konnte: Wir hatten in Otten französische Kriegsgefangene, und ich hatte öfters mit deren Koch zu tun bei der Ausgabe der Lebensmittel. Dabei ergaben sich natürlich auch Unterhaltungen. Er war glücklich, dass ich Französisch verstand und leidlich sprach, und schüttete mir sein Herz aus. Er hatte ein kleines Café im besetzten Gebiet und seit seiner Gefangenennahme keinerlei Verbindung mit seiner Frau gehabt, wusste nicht, ob sie lebte, und war ganz verzweifelt darüber. Da ich wusste, dass Cords Einheit ungefähr in dieser Gegend lag, bat ich ihn, sich – wenn möglich – nach dieser Frau zu erkundigen. In seinem nächsten Brief war ein kleiner Zettel von ihr an ihren Mann eingelegt. Es ging ihr und den Kindern gut, und das Café war sogar in Betrieb. Cord war hingefahren und bot an, eine Antwort des Franzosen auf dieselbe Weise zu befördern. Es war mir klar, was wir da taten und was besonders für Cord auf dem Spiel stand, wenn es herauskam. Aber wir haben es dann doch riskiert, und alles ging gut. Der Koch war überglücklich, er weinte vor Freude und Erleichterung, und wir hatten damals den Eindruck, als ob sich seine Dankbarkeit auf die ganzen anderen Gefangenen übertrug. Es drückte sich in ihrer Haltung uns gegenüber, in ihrer Stimmung und ihrer Arbeit aus. Als dann Rüdiger fiel, ließ sich der Koch bei mir melden. Mit Tränen in den Augen versicherte er mir sein Mitgefühl und das aller seiner Kameraden. Sie wären voller Dank, dass mein Sohn nicht im Kampf gegen Franzosen gefallen wäre, also nicht einer ihrer Nation mir diesen Schmerz zugefügt hätte. Dieses Feingefühl bei einem so einfachen Mann und vor allem die Fähigkeit, es in Worte zu fassen, hat mich damals sehr bewegt.
Onkel Cord hat Cords letzten Einsatz und Tod geschildert. Er entsprach so völlig seinem innersten Wesen, dass diese Gewissheit etwas Trost für mich bedeutete. Ich habe mich oft gefragt, wie Cords Leben nach dem Krieg weitergegangen wäre und welcher Beruf seinen Fähigkeiten und Neigungen entsprochen hätte. Es hätte wohl nur ein freier sein können. Als Untergebener wäre er wahrscheinlich immer wieder gescheitert. Oder der Krieg hätte eine große Wandlung in ihm bewirken müssen – Ansätze waren schon da –, und zwar die, sich aus Zweckmäßigkeitsgründen Menschen und Verhältnissen anzupassen, auch wenn er sie innerlich ablehnte, und unabhängig davon die erforderlichen guten Leistungen zu erbringen.
Für den Fall seines Todes hatte mir Cord Angelika und Britta ans Herz gelegt. Er wollte, dass das Kind unter meinem Einfluss aufwüchse. Ich habe dies Versprechen nur bis zur Vertreibung halten können. Wir nahmen, nachdem Cord gefallen war, beide nach Otten. Angelika beendete in Königsberg ihr Studium, war an den Wochenenden und in den Ferien bei uns, und ich betreute das Kind. Kurz vor dem Zusammenbruch mussten wir sie dann fortschicken, ebenso wie Ingrid mit dem kleinen Cord, die ja auch nach dessen Geburt bei uns geblieben war, und Herrat, um sie alle noch rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Angelika ging damals zu ihren Eltern nach Melle, machte – sobald dies wieder möglich war – ihren Studiumsabschluss und wurde dann bald als Handelshochschullehrerin in Paderborn angestellt. Durch die ganzen Nachkriegsverhältnisse, die Entfernung und Angelikas fast pathologische Abneigung gegen Reisen habe ich sie und Britta nur noch selten bei uns gehabt oder sie besucht. Leider ließ sie Britta auch nie allein fahren, im Gegensatz zu Ingrid, die uns Cord so oft wie möglich schickte. Trotzdem hat mir Angelika eine gewisse Anhänglichkeit bewahrt, und Britta hat sich zu einer ganz reizenden Frau und wirklich vorbildlichen Mutter ihrer beiden Jungens entwickelt. Ich glaube, Cord, dem sie auch etwas ähnlich sieht, hätte große Freude an dieser Tochter gehabt, die er nie gesehen hat. Sie ist mit Elmar Osterloh, Ministerialdirigent in Bonn, verheiratet.
Ich vergaß zu erwähnen, dass mir von der von Onkel Cord erwähnten Kopfverletzung nichts bekannt ist. Er hatte eine äußere Kopfverletzung und eine recht schwere Gehirnerschütterung, vor allem aber mehrfache Rippenbrüche und innere Quetschungen, die ihn für längere Zeit dienstuntauglich machten, aber nicht für dauernd, wie Onkel Cord schreibt. Behindernd für eine Verwendung an der Front war allerdings eine Schwerhörigkeit auf einem Ohr, die sich sonst nicht bemerkbar machte, aber unter dem Stahlhelm und dem Motorenlärm einer Kradkompagnie dazu führte, dass er Zurufe oder Befehle oft nicht hören konnte. Es war die Folge einer Operation bei einer schweren Mittelohrvereiterung, die er mit elf Jahren erlitt. Er lag damals in der Privatklinik von Prof. Blohmke und bekam zusätzlich drei Tage nach der Operation Scharlach und war in höchster Lebensgefahr. An sich hätte er sofort auf die Isolierstation der Uni verlegt werden müssen, aber nach einem Consilium mit den hinzugezogenen Internisten teilte mir Prof. Blohmke mit, dass ihrer Ansicht nach eine Verlegung von Cord und die Trennung von mir lebensbedrohend für ihn sein würde. Wenn überhaupt noch eine Chance bestünde, dann könnte es nur durch meine Pflege und ständige Gegenwart neben seinen ärztlichen Bemühungen gelingen, Cord durchzubringen. Ich fiel ihm vor Dankbarkeit um den Hals. Er ließ sofort alle Patienten der Etage verlegen, ich blieb dort allein mit Cord völlig isoliert und übernahm allein seine Pflege und Assistenz bei den täglichen, furchtbar schmerzhaften Behandlungen der offenen Wunde hinter dem Ohr. Die Ärzte wechselten vor Betreten der Etage Schuhe und Mäntel mit entsprechender Desinfektion, und ich hatte viele Wochen Stubenarrest. Aber Cord wurde gerettet, ich bin fest überzeugt, dass er durch die Aufregung durch die Isolierung und Trennung von mir nicht durchgekommen wäre. Man stelle sich heutzutage einen so persönlichen Einsatz und eine so große Risikobereitschaft eines Professors für seinen Patienten vor!
Abschrift am 19. 01. 2005
MCWvR |